Bericht: 2. Workshop der AG IKE verdaten

von Dr. Melanie Gruß, Dr. Fabian Jacobs, Dr. Theresa Jacobs, Antje Reppe

 

Am 11. Dezember 2025 traf sich die Arbeitsgruppe „IKE verdaten“ im Open Science Lab der SLUB Dresden zu ihrem zweiten Workshop, um theoretische und methodische Herausforderungen bei der digitalen Erfassung immateriellen Kulturerbes (IKE) zu reflektieren.

Die Teilnehmenden repräsentierten universitäre Einrichtungen (Universität Leipzig, Universität Vechta, BTU Cottbus-Senftenberg), die Sächsische und die Bayerische Akademie der Wissenschaften, die SLUB Dresden mit ihren Fachinformationsdiensten und dem Verbundprojekt NFDI4Culture, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen (Sorbisches Institut (SI), (ISGV) sowie Trägerverbände (Netzwerk Moderner Tanz). Im Zentrum der Debatte stand dieses Mal das Spannungsfeld zwischen der notwendigen Komplexitätsreduktion digitaler Datenmodelle und dem kulturwissenschaftlichen Anspruch, Dynamiken, Vielstimmigkeit und Prozesshaftigkeit kultureller Praktiken adäquat abzubilden.

Den inhaltlichen Auftakt gab Prof.in Dr.in Lina Franken (Universität Vechta) mit der Vorstellung des Projekts „Alltagskultur in Niedersachsen digital: Saalbetriebe im ländlichen Raum“. Am Beispiel dieser für ländliche Sozialstrukturen zentralen Orte diskutierte sie das Phänomen jenseits der Dichotomie von materiell und immateriell, indem sie Säle als Räume vorstellte, in denen materielle Objekte, Festkulturen, Narrationen sowie Erinnerungen von ZeitzeugInnen untrennbar ineinandergreifen. Die methodische Herangehensweise folgt einer „forschenden Erschließung“. In diesem Ansatz gilt es, multimodale und forschungsindizierte Datenmengen so zu systematisieren, dass Bedeutungskomplexitäten erhalten und sichtbar bleiben. IKE wird dabei als „metakulturelles“ Konstrukt markiert, was im Datenbankmodell eine Verknüpfung von Ereignissen mit physischen Objekten und flüchtigen Erinnerungen erfordert.
Ergänzend dazu präsentierte Marsina Noll (ISGV) die Möglichkeiten und die Herangehensweise des ISGV-Bildarchivs, das rund 250.000 Dokumente mit Hilfe der Datenbank „Daminion“ verzeichnet und öffentlich zugänglich macht. Hierbei wurde die grundlegende Unterscheidung zwischen „gelebter“ und „gezeigter“ Kultur deutlich, da Fotografien oft als konstruierte oder inszenierte Belege für Ereignisse fungieren, die ihrerseits als Ausübungen sozialer Praktiken zu lesen sind.
Einen theoretischen Input lieferte der Gastbeitrag von Prof. Dr. Markus Tauschek (Universität Freiburg), der das „autorisierte IKE“ im Sinne der UNESCO-Konvention zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes von 2003 kritisch hinterfragte. Er konstatierte, dass Inventarisierungsprozesse häufig mit einer „Domestizierung“ und Komplexitätsreduktion einhergehen, bei der widersprüchliche Lesarten oder Aspekte der „Cultural Intimacy“ (verborgene Daten) verloren gehen könnten. Eine im Sinne Foucaults „gouvernementalitätskritische“ Verdatung müsse daher kulturpolitische Prozesse der Autorisierung sowie Deutungshoheiten und Positionierungen von Trägergruppen beachten.

In der anschließenden Diskussion wurde die Bindung an Materielles bei der Verdatung des Immateriellen reflektiert. Ziel einer kritischen Verdatung kultureller Praktiken soll es sein, so war man sich im Kreis der Teilnehmenden einig, das „I“ im IKE – etwa Atmosphären, Gerüche oder implizites Wissen – innerhalb digitaler Infrastrukturen abzubilden und gegebenenfalls als Latenz oder als Leerstelle bewusst zu markieren.
In einem weiteren Gastbeitrag zum Bereich der technischen Umsetzung präsentierten Dr. Jonatan Jalle Steller und Linnaea Söhn (NFDI4Culture) den aktuellen Entwicklungsstand des Cultural Knowledge Graph, der mit dem Culture Graph Interchange Format (CGIF) anstrebt, Kulturdaten interoperabel zu gestalten. Es wurde diskutiert, inwiefern die ‚Real Life Entity‘ die notwendige Anschlussfähigkeit für Daten des IKE herstellen kann, indem sie als zentrales Bindeglied fungiert, das performative Ereignisse konsistent mit ihren dokumentarischen Belegen im Datenmodell verknüpft. In der abschließenden, von Philipp Sauer (SAW) moderierten Diskussion zur Suche nach Kongruenz zwischen den bereits bestehenden Datenmodellen der Digitalisierungsprojekte innerhalb der Arbeitsgruppe wurde analysiert, inwieweit eine Übereinstimmung der Datenstrukturen besteht, um daraus die Ableitung eines gemeinsamen Kerndatensatzes zur disziplinübergreifenden Standardisierung auf den Prüfstand zu stellen.


Für das nächste Treffen der AG ist eine praktische Erprobung vorgesehen, in der konkrete Beispieldatensätze aus den beteiligten Projekten in einem zusammengeführten Datenmodell „gemappt“ werden sollen. Damit unternimmt die AG einen weiteren Schritt, um – frei nach Mike Fortun – das „Nicht-Infrastrukturierbare“ im digitalen Raum navigierbar zu machen.

Kontakt: Dr. Melanie Gruß / Dr. Fabian Jacobs

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