Bewegte Bilder oder doch nur Papierschnipsel? Von der Idee und Umsetzung eines Animationsfilms zum Immateriellen Kulturerbe in Sachsen

von Claudia Dietze

Wie kann man das Thema Immaterielles Kulturerbe verständlich und kurz erklären? Und wie kann man die Vielfalt und Komplexität von gelebter Kultur künstlerisch darstellen?
Diese Fragen stellte ich mir als Mitarbeiterin der Beratungs- und Forschungsstelle, als ich die Idee hatte, einen Film zum Immateriellen Kulturerbe in Sachsen entstehen zu lassen. Da ich selbst ein Fan von Trickfilmen bin, war die Gattung schnell gefunden, es sollte ein handgemachter Stop-Motion-Film werden.

 

Bei der Arbeit: genaues Ausrichten der 'Papierschnipsel' auf den Glasplatten, Foto: André Schmidt


Stopptrick und Animationen sind filmische Techniken, um flüssige Bewegungsabläufe, aber auch Illusionen zu erzeugen. Sie sind die Grundvoraussetzung für einen Stop-Motion-Film, bei dem Einzelbilder durch Bewegung und gezieltes Stoppen einen Film ergeben.
Die Motive, die in Bewegung versetzt werden, können aus Knete, Papier, Stoff, Lego, oder anderen Materialien sein. Für mich sollte Papier das bevorzugte Medium sein.
Die Idee war da, doch wie sollte die Umsetzung funktionieren? Ich selbst hatte keine Erfahrung im Filmemachen, nur die Vorstellung davon, wie aufwendig es ist, einen Animationsfilm zu drehen. Nun musste ein Partner gefunden werden, um die Idee umzusetzen, denn das geeignete Equipment anzuschaffen, wäre zu teuer und aufwendig gewesen.

Glücklicherweise ergab sich der Kontakt zur Trickfilmschule Fantasia Dresden e.V. im MedienKulturzentrum Dresden. Der 2000 gegründete Verein ist die erste Anlaufstelle, wenn kreative Menschen – vorrangig Kinder und Jugendliche – selbst einen Animationsfilm drehen wollen. Ein Team aus Medienpädagog:innen, Kameraleuten und Designer:innen unterstützt Interessierte im wöchentlich stattfindenden Format „offene Werkstatt“.
Der Animator und Diplom-Designer André Schmidt war von Anfang an begeistert von der Idee und das Studio stellte alles bereit, was man für einen Trickfilm braucht.

Ein Partner für die Umsetzung war also gefunden, nun musste es in die Tat umgesetzt werden. Der Film sollte allgemeine Informationen zum Immateriellen Kulturerbe enthalten und einige Kulturformen sollten durch Animation lebendig werden.
Ich suchte aus vorhandenen Fotografien charakteristische Ausschnitte, mit denen sich einzelne Kulturformen exemplarisch darstellen ließen. Zum Beispiel brauchte es mehrere Anläufe, bis das geeignete Bildmaterial für die Genossenschaftsidee gefunden war.
Ergänzt wurde das Material durch schwarz-weiß-Aufnahmen aus Bildbänden, die ich einscannte, bearbeitete und zum Teil auch neu einfärbte.
Für die Beweglichkeit mussten die Bilder noch ausgeschnitten werden.
Dann ging ich mit meinen vorbereiteten ‚Schnipseln‘ ins Filmstudio und der kreative Prozess konnte beginnen.

Vor Ort gibt es einen schwarzen Raum mit einzelnen Legetrick-Stationen: eine Art Kabine mit mehreren individuell justierbaren Glasplatten, einer Kamera, die fest an der Decke der Kabine montiert ist und einem Bildschirm zum Anschauen des gedrehten Filmmaterials. Je mehr Glasplatten zum Einsatz kommen, umso mehr Ebenen kann man in einem Bild abbilden, denn die Bewegung passiert oft auf verschiedenen Ebenen. Zudem werden Objekte kleiner oder größer, je näher oder ferner sie an der Kamera sind.

 

Alle Bilder sind positioniert, Foto: André Schmidt


Ich überlegte mir vorher grob den Ablauf einer Szene und versuchte es in der Legetrick-Station umzusetzen. Mitunter ergaben sich spontan andere Möglichkeiten, sodass ich ursprüngliche Ideen änderte oder sogar verwerfen musste, weil z.B. die eine oder andere Bewegung mit dem Papierobjekt nicht möglich war. Meistens wurde die Szene auch ‚von hinten‘ gedreht, das Schlussbild stand dabei am Anfang und alle Bewegungen passierten rückwärts. Sobald die Szene fertig war, wurde sie im Filmprogramm umgedreht.

 

Die Schale vom Ei öffnet sich, Foto: André Schmidt


Um die Bewegungen für das menschliche Auge flüssig erscheinen zu lassen, brauchte es im Studio mindestens 12 Bilder pro Sekunde. Diese Information ist wichtig, um abschätzen zu können, wie lange eine Sequenz stehen bleibt, wie schnell das Papier bewegt wird oder wie oft sich beispielsweise die Eier in der Szene zu den sorbischen Bräuchen drehen müssen.

Das Ei wird langsam auf der Glasplatte bewegt, Foto: André Schmidt →

← Über den Bildschirm wird jede millimetergenaue Bewegung erkennbar, Foto: André Schmidt


Für eine Filmsequenz von ca. 15 Sekunden benötigte ich, abhängig davon, wie viel Papierobjekte genutzt und bewegt wurden, einen Arbeitsprozess von ca. ein bis zwei Stunden.
Nachdem alle Animationsszenen im „Kasten“ waren, musste der Film noch im Videoschnittprogramm bearbeitet werden. Das heißt, eventuelles Kürzen von zu langen Szenen, Einbauen von Texten und Bildern für den theoretischen Teil und die Vertonung des Films.

Das Einsprechen des Textes übernahm die Tänzerin und Choreografin Kristin Mente, die dem Film damit einen unverkennbaren Ausdruck verlieh.
Nach einem guten dreiviertel Jahr war der Film fertig.

Mein großes Dankeschön richtet sich an alle Beteiligten, vor allem an das ganze Team der Trickfilmschule Fantasia!

Die erfolgreichen Animations-Filmemacher:innen


Und vielleicht wird bei Animationskünstler:innen nun auch das Interesse geweckt, sich im nächsten Turnus für das Immaterielle Kulturerbe zu bewerben.
Einige künstlerische Kulturformen, wie beispielsweise die analoge Fotografie und das Papiertheater sind bereits im Bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes gelistet.

Nun viel Spaß beim Anschauen!   →→→ IKE-Stop-motion←←←


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