Bericht: Wie verdatet man Flüchtiges? 3. Workshop der Arbeitsgruppe „IKE verdaten“
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Wie lässt sich lebendige Kultur – von Tanzchoreografien, mündlichen Überlieferungen und regionalen Brauchhandlungen bis hin zu lokal verankerten Handwerkstechniken und Wissensbeständen – in strukturierte Daten übersetzen, die dennoch ihre Fluidität, Wandelbarkeit und Vielschichtigkeit abbilden oder betonen? Dieser zentralen Fragestellung widmete sich die interdisziplinäre Arbeitsgruppe „IKE verdaten“, die am 18. Juni 2026 im Open Science Lab der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) zu ihrem dritten Workshop zusammenfand. Die AG verbindet Forschende aus Musik-, Theater- und Kulturwissenschaften von Universitäten, außeruniversitären Forschungseinrichtungen, Museen und Infrastrukturakteuren wie der SLUB Dresden, der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) und dem Konsortium NFDI4Culture sowie Trägergruppen Immateriellen Kulturerbes (IKE).
Das Erfassen immaterieller Kulturformen stellt Digital-Humanities-Forschende vor grundlegende theoretische und praktische Herausforderungen. Anders als bei materiellen Objekten existiert immaterielles Kulturerbe primär in der fortlaufenden Ausübung, in sozialer Interaktion und als implizites Wissen. Es zeichnet sich durch Wandelbarkeit, Weiterentwicklung und variantenreiche (lokale) Ausprägungen aus und kann von diskursiven Machtverhältnissen geprägt und beeinflusst sein.
Im Fokus des 3. Treffens der AG stand die Erprobung eines von Philipp Sauer (Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, SAW) erstellten CoreModels, einem abstrakten Kernmodell zur Datenstrukturierung. In dessen Zentrum steht das Ereignis als kleinste Einheit der Manifestation von IKE, das wesentliche Entitäten (Beteiligte, Orte usw.) und ihre Beziehungen zueinander abbilden soll. Grundlage dafür waren die verschiedenen Datenmodellierungen der an der AG beteiligten Forschungsarbeiten zu performativen, musikalischen und alltagskulturellen Praktiken. Die Datenstrukturen der verschiedenen mit Phänomenen des immateriellen Kulturerbes befassten Projekte wiesen eine Übereinstimmung von rund 75 % auf. Es stellte sich heraus, dass projektübergreifend die Entitätsklassen „Person“ und „Ort“ als durchgängig identische Nenner fungieren. Anhand konkreter Beispieldatensätze aus laufenden Forschungsprojekten – unter anderem zum sorbischen Kulturregister, zum Tanz in der DDR sowie zu Musikaufführungsdatenbanken – wurden erste Mapping-Versuche durchgeführt.
Die daran anknüpfende Diskussion zur modelltheoretischen Vertiefung kreiste um die Frage der Trennung zwischen konkreten Ereignissen (Event), etwa einer einzelnen Aufführung oder Brauchausübung, und dem dahinterstehenden überlieferten Konzept (EventConcept), beispielsweise einem Werk. Da Kultur nicht wertfrei beschreibbar ist, erweisen sich bereits die Benennung(en) von Praktiken als diskursive Aushandlungsprozesse. Auch Konzepte verändern sich im Laufe der Zeit, spalten sich auf (Fission) oder verschmelzen miteinander (Fusion). Die Arbeitsgruppe hielt deshalb fest, dass tragfähige Datenmodelle solche Unsicherheiten, Interpretationsspielräume, aber auch Leerräume und Mehrsprachigkeiten explizit abbilden können sollten. Zu prüfen ist in einem nächsten Schritt, ob dies beispielsweise durch die gezielte Verankerung von Quellenangaben oder die Einbeziehung der subjektiven Sicht der jeweils Forschenden direkt an den Relationen umgesetzt werden kann.
Der zweite Schwerpunkt des Workshops lag auf Fragen der nachhaltigen Anbindung der Arbeitsgruppe. Um den Austausch langfristig zu sichern, treibt die AG eine zweigleisige Institutionalisierung voran: Einerseits wird der Status einer Special Interest Group (SIG) bei NFDI4Culture angestrebt, was eine erhöhte Sichtbarkeit in Fachkreisen ermöglicht. Andererseits wird die Gründung einer Arbeitsgruppe im Fachverband Digital Humanities im deutschsprachigen Raum (DHd) verfolgt, um eine fachwissenschaftliche Vernetzung auch in dieser Richtung anzuregen.
Um die Ziele und ersten theoretischen Erkenntnisse der AG breiteren Fachcommunities zugänglich zu machen, wird sich die AG auf dem 6. Culture Community Plenary von NFDI4Culture vom 9. bis 11. November 2026 in Bochum vorstellen. Zudem arbeitet eine Autor:innengruppe an einem gemeinsamen Grundsatzartikel zur Modellierung immaterieller Kultur.
Das nächste reguläre Arbeitstreffen findet am 23. September 2026 am Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde (ISGV) in Dresden statt. Interessierte an der Arbeit der AG oder dem gemeinsamen E-Mail-Verteiler wenden sich bitte an Dr. Melanie Gruß (Universität Leipzig, NFDI4Culture) oder Dr. Fabian Jacobs (Sorbisches Institut).